KunstKlangKirche auf der Egg, Zürich-Wollishofen

Der 7. Zürcher Kirchenmusiktag stand ganz unter schwedischem Nordstern: vom Beginn mit dem Stockholmer Kirchen-Musiker Gary Graden bis hin zur Wirtin beim abendlichen Cordon bleu. In gewohnt souveräner Art führte Peter Freitag (Kantor und Organist in der evang.-ref. Kirche Uster) durch das Programm. Schon an dieser Stelle ein grosser Dank an das Organisationsteam: Peter Freitag, Sacha Rüegg (Organist und Kantor, offener St. Jakob, Zürich) und Stephan Fuchs (Kantor und Organist, Zürich Paulus), Daniel Schmid (Projektleiter KunstKlangKirche), ZKMV-Vorstand sowie an die reformierte Landeskirche.

Musikalischer Start

Gary Graden, ein Amerikaner in Stockholm, eröffnete mit einem Warm-up ganz eigener Art. Nach dem gemeinsamen „Sing mit“ suchte er sein Anliegen „wie involviere ich alle ins Singen?“ mit der alten französischen Melodie „Adóro te“ im V. Modus zu erreichen. Dies indem wir zum abwechselnd von den Frauen bzw. den Männern gesungenen Cantus firmus frei in Skalen improvisierten. Es ging darum, gemeinsam einen Sound zu kreieren, mit Stimme und Körper. Gary lebte das Musizieren mit jeder Pore seines Seins uns allen auf eindrückliche Art und Weise vor.

Überlegungen zum kirchenmusikalischen Dienst in den kirchlichen Reformprozessen

Jetzt aufgewärmt und eingestimmt für den Tag, richtete Bernhard Rothen, geboren in Schweden und Pfarrer in Hundwil (AR) seine Überlegungen zum kirchenmusikalischen Dienst in den kirchlichen Reformprozessen an uns. „Ross und Reiter warf er ins Meer“: Die Planherrschaft und das Gotteslob Israels, so der Titel seiner Rede. Oder soll ich sagen Predigt? Denn ohne jeden Zweifel ist Rothen ein begnadeter Prediger. Er thematisierte das hierarchische Gefälle zwischen Pfarrer*innen und Musiker*innen und plädierte dafür, lieber mehr zu singen als an Sitzungstischen zu sitzen. Oder, nach Luther, sich an das zu halten, was menschenmöglich ist und nicht zu versuchen, sich ins Göttliche einzumischen. 

Dies zu erklären holte er weit aus, begann in Ägypten, der Kultur des Papiers, bei Abraham und Josef, dem Begründer der Sicherheit, wobei Sicherheit und Stabilität zuerst Wohltat, dann aber immer mehr Sklaverei und Ausbeutung wurden. Hier entwickelte sich nach Rothen auch die Xenophobie mit der Planung des ersten Genozids in der Tötung der Knaben und dem Brauchen der Mädchen. Das durch die ganze Moderne ziehende Ziel: Homogenisierung, gedeckte Tafel, das Land, in dem Milch und Honig fliessen, angeführt von Mirjams kriegerischem Triumph-Lied „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt“, was durchaus an heutige religiöse Fanatiker erinnert. Das Volk sollte in die Wüste hinausziehen, um Gott ein Fest zu feiern, was viele Vorschriften und Sachverstand im Umgang mit Geld erfordert, und in eine ziemlich strenge Form hineinführt. Von Mirjams Lied von Befreiung durch Zerstörung hin zur neutestamentlichen Deutung der Befreiung durch das Lamm lag ein weiter Weg. Nicht mehr Hochmut und Gier sind da gefragt, nein, sie sollten im Wasser der Taufe ertränkt werden. 

Die Kirchen heute, so Bernhard Rothen, suchen zurück zur Sicherheit. Aber kann irgendeine Ordnung das Gute auf Dauer bieten? In diesem Zusammenhang zitierte Rothen Mani Matters „Nei säget, sölle mir vo nüt meh andrem tröime“. 

Die Wahrheit sei präsent im Wort, welches wiederum in vielen Facetten gegenwärtig sei. 

Natürlich brauche es auch Geld, auch Milch und Honig. Der Gott der Bibel sei der Gott der Passah-Nacht. Aber Gott habe den Tempel selber zerstört, und seither gebe es keine Verheissung der wahren Ordnung mehr. Wir nun sollten das Erbe nutzen und es nicht selber zerstören, die Zeit nutzen, das zu tun, wozu wir die Möglichkeit haben. Und die Kirchenmusker*innen leisteten dazu ihren Beitrag. Natürlich blieb da die Frage von Kirchenmusikers Seite nicht aus, ob es denn wirklich immer das Wort sei, wo doch auch Augustinus berührt gewesen sei von der Musik ohne Worte. Nun, Bernhard Rothen fasste den Begriff des Wortes sehr weit, sprach vom inkulturierten Wort, dem Gotteswort, der göttlichen Zusage.

Junge Leute mit kurzen Beinen auf der Orgel

Im Anschluss an diese nicht ganz einfach zu verstehenden und nachdenklich stimmenden Worte präsentierte uns Yun Zaunmayr, Organistin in Dübendorf und Dozentin für Fachdidaktik Orgel an der Musikhochschule in Basel, ihr Forschungsprojekt „Kombinierter Klavier- und Orgelunterricht für Kinder“. Ihr Anliegen ist es, auch jungen und sehr jungen Kindern von fünf bis zehn Jahren die Möglichkeit zu geben, das Orgelspiel zu erlernen. Was tun, wenn die Beine noch zu kurz sind, um die Pedaltasten zu erreichen? Ganz einfach: auf Yun Zaunmayrs Idee hin entwickelte und baute Simon Hebeisen (Goll Orgelbau) dazu leichte Pedaltasten aus Sperrholz, die sich wie Lego auf das normale Orgelpedal aufstecken lassen, was den Kindern zusätzlich Spass macht. So ist es möglich, die natürliche Begeisterung der jungen Schüler*innen direkt aufzunehmen und sie nicht auf später zu vertrösten. Und warum nicht gleichzeitig mit Klavier- und Orgelunterricht beginnen? Vieles lässt sich zu Hause am Klavier üben und dann mindestens projektweise im Unterricht in der Musikschule oder Kirche an der Orgel erweitern. Und warum nicht, wie der Vater eines der Kinder bei Yun Zaunmayr, ein Pedal basteln, um es unter das Klavier oder den Flügel zu legen? 

Natürlich braucht es für all das bestimmte Rahmenbedingungen. Musikschule, Eltern und Kirchgemeinde müssen zusammenarbeiten und die Verantwortung für die Räumlichkeiten und Instrumente teilen. Für Yun Zaunmayr steht fest: die einzige Voraussetzung für frühen Orgelunterricht ist der ausdrückliche Wunsch des Kindes.

Schweizerische Stiftung für Orgeln in Rumänien

Mit Blick auf unsere geplante Orgelreise im Oktober nach Bukarest – Siebenbürgen erzählte uns nun der Präsident der Schweizerischen Stiftung für Orgeln in Rumänien (SSOR) über die Ausbildung junger Orgelbauer*innen- und (Kunst-)Schreiner*innen in diesem an musikalisch und kulturell wertvollen, alten Orgeln reichen Land. 

Gut 2000 Instrumente stünden dort auf engem Raum, leider oft schlecht gewartet, da es vielerorts sowohl an Geld als auch an Know-how fehle. Diese Situation regte Orgelbauer Ferdinand Stemmer AG aus Zumikon dazu an, im Auftrag der SSOR Hilfe zur Selbsthilfe zu betreiben, indem junge Menschen nach Schweizer Muster in handwerklichen Berufen auf Kosten der Stiftung ausgebildet werden. So entstand ein Lehrlingsheim für 15 Jugendliche, in welchem bisher 30 interessierte junge Menschen ausgebildet wurden. 2014 wurde der Betrieb an die qualifiziertesten ehemaligen Lehrlinge übergeben.

Eine besondere Herausforderung in diesem Projekt sei die Vermittlung von leistungsorientierter Arbeitshaltung und Qualitätsstreben sowie Verantwortungsbewusstsein, was eine Mentalitätsänderung bedingt. So soll das Qualitätshandwerk in Rumänien und damit ein tragender Mittelstand wiederbelebt werden.

Chorprobe

Und jetzt wieder zurück zu Gary Graden. Noch einmal improvisierten wir in einer Skala, was er mit Jungen, Alten, Profis und Laien immer wieder mache. Einfach im Modus bleiben. Exemplarisch probte Gary Graden nun mit dem von Beat Schäfer eigens für diesen Tag formierten Chor „Corona vitae“ von Michael Waldenby (*1953) in Fis-Dur. Fis-Dur sei in diesem Stück wie der Nordstern, versuchte er zu vermitteln, und die reine Quinte wie Gottes Atem. Solistinnen und Chor sollten also nicht zu zimperlich sein. So frei und tolerant er mit uns allen im improvisierenden Klingen umging, so genau nahm er es nun in der Arbeit mit dem Chor. Und gar nicht zimperlich unterbrach er, wann immer ihm etwas nicht ganz so gut gefiel. „Singen ist so physisch, ein physisches Ding, Spannung, Bewegung, immer im Atemfluss“. 

Es folgte das in Schweden sehr bekannte „Nun kommt das grosse Blühen“ in G-Dur – oder lieber in Fis-Dur? Das sei etwas weicher... Wir verteilten uns rund um den Kirchenraum, der Wand entlang und die Frauen stimmten je einzeln auf ein Zeichen hin im Kanon in die Melodie ein. Und dann ging es wieder darum, zu klingen, im Modus zu improvisieren, wie schon mit „Adóro te“, diesmal mit Benjamin Guélat (Domorganist zu St. Ursen, Solothurn) an der Orgel improvisierend mit dabei. Es gehe darum, im Ganzen die eigene Stimme zu hören und zu lernen ein*e Freund*in der Skala, des Modus zu sein; die Welt singen zu hören, sich von Dur und Moll zu befreien.

Abschliessend malte Benjamin Guélat ein Bild mit Orgelklängen zu „Der Herr ist mein Hirte“ in E und wir sangen auf nur einem Ton den Text. Das macht Gary Graden auch mit der ganzen Gemeinde: Frauen, Männer, improvisierend, völlig frei im Tempo oder auch rhythmisch gleichzeitig und jede*r mit eigener Melodie. Ein überwältigendes Klangerlebnis!

Mittagspause

Das Mittagessen wurde uns im benachbarten Kirchgemeindezentrum St. Franziskus-Wollishofen top organisiert und lecker gereicht. Vielen Dank dafür.

Die KunstKlangKirche

Als nächsten Programmpunkt erzählte uns Beat Schäfer (Präsident Freundeskreis KKK, Bereichsleiter Kirchenmusik an der ZHdK und Dozent Chorleitung) einiges über die Entstehungsgeschichte der KunstKlangKirche auf der Egg. Die Idee dazu bestehe seit rund fünf Jahren. Ein von der Kirchgemeinde zur Umnutzung der Kirche ausgeschriebener Projekt-Wettbewerb führte zu sehr vielfältigen Ideen, und wurde vom Team KunstKlangKirche gewonnen. Die KunstKlangKirche möchte die Künste als Gesamtes in eine Beziehung zu Spiritualität und Kirche setzen, damit dies in einem übergeordneten Sinn zum Klingen kommt. Dabei spielt die Musik selbstverständlich eine grosse Rolle – siehe die Orgeln, die hier schon stehen (es fehlen noch zwei) – und doch ist das nur ein sichtbarer Schwerpunkt, der in dieser Kirche gepflegt wird. Es gibt ebenso Veranstaltungen, bei denen im Spannungsfeld von Bewegung und Tanz, Musik und Wort, Wort und Bild versucht wird, dem Phänomen des Glaubens, des Kirche-Seins auf einer breiten Ebene Platz zu geben. Die KunstKlangKirche ist eine Plattform des Austausches. Beat Schäfer und vor allem Projektleiter Daniel Schmid nehmen Ideen und Anregungen für Veranstaltungen entgegen und prüfen, ob sie diese als neuen Aspekt integrieren, in Beziehung setzen und nach aussen tragen können. Es gibt hier Gottesdienste, Konzerte, Lehrveranstaltungen, Diskussionen, Performances, Ausstellungen, etc. und zwar im ganzen Haus: zur KunstKlangKirche gehört der ganze Hügel. 

Dass die Initiative nicht von der Kirche ausgeht, hat auch mit der Zürcher Hochschule der Künste zu tun. Diese ist das bisher - zumindest in der Schweiz - einzige Haus, das so konzipiert ist, dass in 1400 Räumen sowohl Tanz, Film, Musik, bildende Künste, Malerei, Gamedesign usw. vereint sind. Da entstehe plötzlich eine Dynamik und die ZHdK wolle die KKK gerne mittragen. Auch die Musikwissenschaftliche Abteilung sei an dieser Zusammenarbeit interessiert, dazu Ralph Kunz als praktischer Theologe und die ganze Abteilung der Fakultät. Die KKK sei jetzt in einer Phase, wo sie eine Institutionalisierung brauche, damit sie getragen werden könne und aus dem Privaten herauskomme. Das Team ist ökumenisch aufgestellt, reformiert, römisch-katholisch, christkatholisch und es könnten auch weitere dazu kommen. Die Reputation sei sehr gut, was auch eine Nationalfondsstudie zur Umnutzung von Kirchen bestätigt habe. Die Gesamtkirche, allen voran der Stadtverband, sei sehr daran interessiert und habe erst einmal einen grossen Betrag gesprochen, der im nächsten Jahr umgesetzt werden solle. Im Moment also stehe die KunstKlangKirche auf dem Prüfstand. Das Wichtigste sei, dass Leute dahinterstehen, die das auch positiv nach aussen tragen. Dafür gibt es auch den Freundeskreis, für den Beat Schäfer an dieser Stelle wirbt. 

Daniel Schmid sei der Motor, der Küchenmeister, der Hausvater und der Manager des Ganzen. Er mache auch Führungen für Interessierte. Die älteste Orgel der Stadt Zürich stehe hier: eine Kuhn Kegelladenorgel, die hier wiederaufgebaut wurde, ein wunderbares Instrument. Noch sei der Veranstaltungskalender dürftig, weil das Geld fehlte, das werde aber im nächsten Jahr anders sein.

Orgelprobe

Und wieder Singen mit Gary Graden. Diesmal eine „Orgelprobe“ wiederum mit Benjamin Guélat an der Orgel und Improvisationen in d-moll zu „Unser Vater im Himmel“. Wir alle sangen rhythmisch unisono, aber melodisch völlig frei den Text des Gebets. Dann die Männer alleine, die Frauen alleine, dazu von Gary Graden dirigierte Orgelklänge. Immer in d-moll. Im Hintergrund eine Rassel. Unglaublich, wie so etwas wirkt! 

Ein weiteres Beispiel, das Gary Graden oft mit der Gemeinde macht, war „Jesus Christus, unser Heiland“. Zuerst sangen alle, dann die Frauen, die Männer und wieder alle je eine Strophe. Anschliessend eine richtige, freie Stimm-Improvisation. „Dann werden wir tanzen...“, in einer Reihe, Hände haltend. Verschiedene Solisten zwischen den Versen, freie Improvisationen auf einem Vokal und zwischen den Versen 4 und 5 alle durcheinander, ganz frei. Begleitend ein zugrundeliegender Rhythmus mit der Handtrommel, dazu Orgelimprovisationen. Eine Variante: Call and response, das heisst, eine*r sang eine kurze Melodie vor, alle anderen nach. Das Ganze wurde zu einer langen, ziemlich wilden Improvisation, mehrheitlich nonverbal angeleitet von Gary Graden, der uns am Schluss zurück ins Pianissimo führte. Dann ein abschliessender, zurückhaltender Jubelschrei und Applaus. Es könnte gut sein, dass das für einige der Anwesenden ziemlich ungewohnt und eine gewisse Herausforderung war.

Gary Graden meinte dazu, es gebe dabei „spezielle Momente, nie zu planen, aber die Übungen sind interessant. Wir tun das in der Kathedrale von Stockholm, vielleicht nicht ganz so verrückt, aber wir tanzen von Zeit zu Zeit. Tanzen, der Körper, ist für menschliche Wesen wichtig. Das ist der Weg, wie Kinder spielen. Wir haben das Kind in uns. Wir sind alle Kinder. Wir müssen damit Kontakt halten. Es könnte so interessant sein, das zu tun“.

Chorwunder Schweden

„Und was hat es mit dem ‚Chorwunder Schweden’ auf sich?“ fragte anschliessend Peter Freitag. Gary Graden, geboren in Philadelphia und aufgewachsen in New England, nahe Boston, kam nach Stockholm um bei Eric Ericson (1918-2013) zu studieren. Aus dem Plan, nur maximal fünf Monate da zu bleiben, wurden Jahre. Heute fühlt er sich in der Vielfalt Europas sehr zu Hause. Die Schweden seien ein singendes Volk, Menschen, die ständig singen, wo andere das nicht tun. Die Lutherische Kirche pflegte die protestantische Tradition des Choralsingens, woraus sich eine starke Chormusik entwickelte. Dabei spielte Eric Ericson, der u.a. an der Schola Cantorum Basiliensis studiert hatte, eine wichtige Rolle. Wie viele andere Musiker*innen, die an die Schola kamen, verliess auch er das romantische Chorideal und gründete und dirigierte verschiedene Chöre, insbesondere den erst später ihm zu Ehren so umbenannten Eric Ericson Kammerchor. Chormusik a cappella wurde eine neue Vision und Ericson ein Zentrum, eine Epoche. Er stimulierte etwas Neues, eine Art Zentralenergie, einen komplett neuen, sehr speziellen Sound. Die Chormusik wurde von seinem Ideal einer neuen Ästhetik weltweit beeinflusst. 

Gary Graden findet, dass wir sehr hart arbeiten für das, woran wir glauben. Zudem sei ein Chor der Ausdruck des Dirigenten. Er habe vor vielen Jahren die Einladung bekommen, als Kantor in St. Jakob in Stockholm zu arbeiten, einer sehr reichen Gemeinde, wo er u.a. einen Jugendchor gründete und während vielen Jahren sehr frei und nicht zu allzu vielen Veranstaltungen verpflichtet gewesen sei. In den letzten Jahren habe er dann an die Kathedrale gewechselt, welche zur gleichen Gemeinde gehöre. Dort arbeite er mit dem brillanten Organisten und tollen Kollegen Mattias Wager zusammen. 

Was in der Erziehung, in der Grundschule in Schweden derzeit musikalisch läuft, weiss Gary Graden nicht. Auch in Schweden müssten die Lehrpersonen gelehrt werden, dass sie mit Kindern nicht Bass singen können.

Aber arbeitet er mit der Gemeinde so, wie mit uns? Nun, grundsätzlich so viel wie möglich auch im Gottesdienst. Es gebe ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft, wenn ohne Chor gesungen wird. Allerdings gibt Gary Graden zu, dass dabei in sehr kleinen Gemeinden ein gewisses Risiko besteht und es dann vielleicht gut ist, einen Chor zu haben.

Kirchenmusikkapitel: mit gutem Beispiel voran

Esther Lenherr tat dann, was wir (wie sie selber mit einem Seitenblick auf Bernhard Rothen bemerkte) nicht tun sollten, nämlich von Strukturen sprechen. Sie berichtete aus der Spurgruppe Kirchenmusikkapitel, die von ihr geleitet wird oder wurde. Immer wieder ist es erstaunlich zu sehen, dass in strukturellen Konzepten – auch bei KirchGemeindePlus – nichts von (Kirchen)Musik zu lesen ist. Dabei wird ihr bei allerhand Anlässen, welche selbstredend die Pfarrer*innen und Kirchenpfleger*innen unter sich planen, ungeheuer viel zugetraut, „sogar die Rettung der Kirchen“. Aber in die Prozesse einbezogen werden die Musiker*innen nicht. Mehr als lesenswert ist in diesem Zusammenhang das von einer siebenköpfigen Gruppe engagierter Kirchenmusiker*innen und einer Vertreterin der Zürcher Landeskirche, in Zusammenarbeit mit einem Prozessbegleiter entstandene Dokument „Kirchenmusik und KirchGemeindePlus“ (zu finden auf www.zkmv.ch).

Immerhin scheint jetzt der Weg gebahnt, dass bei der Neufassung der Kirchenordnung, die sich in Vernehmlassung befindet und am 1. Januar 2019 in Kraft treten soll, ähnlich dem Pfarrkapitel ein Kirchenmusikkapitel implementiert werden soll. Allerdings nur kantonsweit, nicht wie bei der Pfarrschaft bezirksweise. Eine kantonale Zusammenarbeit würde die Musiker*innen (insbesondere die nicht angestellten Chorleiter*innen) mit Kleinstpensen ausschliessen und die Organisation träge gestalten. Esther Lenherr sucht nach stichhaltigen Argumenten für die Vorteile, den Gewinn eines Kirchenmusikkapitels. Noch immer fehle eine starke Organisation der Kirchenmusiker*innen. Die Spurgruppe habe eine Spur gelegt, gehen müssten sie nun die Kirchenmusiker*innen selber.

Orgelbuch – Atem, Hauch, Braus

2013 komponierte Alfred Zimmerlin (Komponist und Cellist) aus freiem innerem Antrieb, ausgelöst durch eine Frage von Peter Freitag (dem Widmungsträger) sein grosses, neunteiliges gut 60 Minuten dauerndes zyklisches Werk mit dem Titel „Orgelbuch“. Es ist eines von nur sehr wenigen geistlichen Werken des Komponisten und wurde am 7. Juli 2015 von Peter Freitag im Berner Münster uraufgeführt. Die Sätze tragen die Überschriften: Gruss – Choralfantasie I „All Morgen ist ganz frisch und neu“ – Reflex – Ruf – Choralfantasie II „O Heil’ger Geist kehr bei uns ein“ – Freude – Braus – Hauch – Abschied (Choralfantasie III „Bevor die Sonne sinkt“). 

Peter Freitag spielte uns auf der grossen Orgel in der KunstKlangKirche Auszüge aus der Choralfantasie I und II. Bei der zweiten Choralstrophe der Choralfantasie II wird die Choralmelodie selber zum Pfad, und es braucht eine Bewegungschoreografie, um sie spielen zu können und bei Strophe fünf trägt jeder Choralton einen Lichtschweif in Form eines Clusters. Wer mehr über das Orgelbuch und den Komponisten erfahren möchte, findet auf dessen Homepage www.alfredzimmerlin.ch auch einen Werkkommentar dazu. Alfred Zimmerlin ist auch als improvisierender Musiker tätig und seit 2010 Dozent für Improvisation an der FHNW Hochschule für Musik in Basel, wo er den Masterstudiengang „Freie Improvisation“ leitet.

Gerda Bächli

„Wo sie Freude wittern, geht alles doppelt so leicht“. Mit diesem Zitat von Gerda Bächli führte uns Gabriela Schöb, Kantorin der reformierten Kirchgemeinde Thalwil (und begeisterte Schwedisch Lernende), in die (fast vergessene?) Welt von Bächlis Kinderliedern ein. Auch die 1921 in Zürich geborene und 2013 in Winterthur verstorbene Gerda Bächli lebte mehrere Jahre in Schweden, wo sie beim Radio arbeitete und Deutschkurse für den Sender konzipierte sowie Sendungen über den deutschen Kulturraum gestaltete. Sie stammte aus einer Musikerfamilie und studierte Gesang, Klavier und Musiktheorie. Nach ihrem Aufenthalt in Uppsala begann ihr Einstieg in die Musiktherapie. Erfahrungen sammelte sie in diesem Bereich beim Heilpädagogen und Schulleiter der EPI Zürich Hermann Siegenthaler, der als Organist die behinderten Kinder seiner Schule in der Kirche musizieren liess, im Brändli Luzern und im Wagerenhof Uster. Alles war neu, Learning by Doing. Gerda Bächli versuchte, altes Wissen mit modernen Erkenntnissen zu verknüpfen und so entstanden ihre Bücher „Pöpper. Musizieren mit einem behinderten Freund“, „Der Tausendfüssler“, „Im Bim-Bam-Bummelzug“, „Hände und Füsse“ und viele mehr. Dabei ging sie von ganz präzisen pädagogischen Ideen aus, sowohl für die Arbeit mit behinderten als auch nicht behinderten Kindern. Gerda Bächli erlangte grosse Bekanntheit als Liederschreiberin und Kapazität, auch mit ihren Übersetzungen vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche. Zu „Alle Jahre wieder“ meinte sie, wir sollten den Kindern die Weihnachtschichte bei allen Bedenken von wegen Bericht oder Legende nicht vorenthalten, da es eine gute Geschichte sei. Die Hirten und das Wunder im Stall begeistere die Kinder und wenn, dann dürften eher die geflügelten Engel weggelassen werden. Bei Gerda Bächli dürfen, ja sollen die Kinder sich einbringen. Deshalb soll auch die Begleitung in Veröffentlichungen (z.B. im „Liechtblick 2“) einfach gehalten sein, um möglichst viel Spielraum für Partizipation zu bieten. Da ist sie Astrid Lindgren ganz nah: beide nehmen sie die Kinder wie Erwachsene ernst. Viele Kinderlieder von Erwachsenen sind Lieder wie diese sich die Welt von Kindern vorstellen und wollen immer aktuell sein. Gerda Bächlis Lieder sind überdauernd und anpassungsfähig. 

Jetzt waren wir bereit, zusammen mit Gabriela Schöb vier mitgebrachte und auch im kirchlichen Raum einsetzbare Bächli-Lieder zu singen und exemplarisch mit Schmatzen und passenden Bewegungen zu gestalten: „Us em Fluss stiigt de Näbel“, „Schnäggelied“, „Der Auftrag – Noah 1“ und „Geborgen in der Arche – Noah 2“. 

Schlussrunde

In der Schlussrunde kamen noch einmal alle Referent*innen zu Wort. Mit: es gehe ihm genau gleich, er möge eigentlich nicht mehr über Strukturelles reden, richtete sich Peter Freitag mit der Frage an Bernhard Rothen, was die Kirchenmusiker*innen denn nun tun sollten. Dieser liess uns noch einmal an seiner Erfahrung als Pfarrer teilhaben. Denn die Pfarrer*innen hätten das alles schon durchgespielt, mit dem Ergebnis, dass die kirchlichen Organisationen sich seither vorwiegend dem Strukturellen widmeten. Seiner Meinung nach sind es die Menschen, die gerne verwalten, die in die Verwaltung gehen – und diejenigen, die gerne mit Menschen arbeiten, ziehen sich zurück. Die Kirchenmusiker*innen sollten aufpassen, dass ihnen das nicht auch passiert. Es gehe darum (wieder) an den Inhalten zu arbeiten, eine neue Kirche zu werden und miteinander zu reden und zu streiten. Rothens Meinung nach sind Strukturmodelle brandgefährlich, es bleiben die, die meinen, sie wüssten, wie eine neue Kirche aussehen muss. Angesprochen auf Mani Matter (ein Schweizer Musiker der wohl keine geistliche Musik geschrieben hat), meinte Bernhard Rothen, dieser sei einer der klügsten Schweizer gewesen, ein Jurist, der schon damals gesehen habe, dass ein struktureller Pluralismus nicht funktionieren könne.

Esther Lenherr wiederum sah den Vorteil im Bezirk Horgen darin, dass es viele hochprozentig angestellte Musiker*innen gebe. Es gehe hier um Pfründe. Die vielen kleinstprozentig angestellten Kirchenmusiker*innen andernorts müssten ihre Pensen freigeben, damit grössere Stellen geschaffen werden könnten. Bernhard Rothen hingegen, vielleicht aus der Position einer Berufsgruppe, deren berufliche Existenz mit Hundertprozent-Jobs gut abgesichert ist, sah den Vorteil grösserer Stellen nicht. Er würde zehn Tante-Emma-Läden einem Shoppingcenter vorziehen, worauf Esther Lenherr einwarf, die Tante-Emma-Läden würden in Bezug auf Pensen zu einer Zersplitterung und einem geringen Engagement in der Gemeinde führen.

Die in China geborene Yun Zaunmayr erzählte von ihrer Arbeit mit Kindern und ihrem Engagement, die Orgel, die kulturell nicht im Dorf verankert ist, ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. So organisiert sie nebst ihrer Arbeit als Klavier- und Orgellehrerin an der Musikschule Kindergottesdienste mit Kindermitwirkung sowie Babykonzerte mit Orgelmusik. Ein ganz besonderes Erlebnis sicher auch für die ihre Kleinkinder begleitenden Eltern.

Gabriela Schöb, angesprochen auf ihre Begeisterung für das Schwedische, erzählt, wie sie in ihrer Jugend Schwedisch gehört habe und den Klang liebte. In einem Sommerkurs bei Eric Ericson habe sie dann diese schöne klangvolle, skandinavische Musikwelt entdeckt, so dass sie jetzt auch die Schwedische Sprache, die dem Schweizerdeutschen sehr nahe sei, lerne.

Und Gary Graden, warum ist er in Schweden geblieben? Nun, die Liebe – und er liebt die Menschen, ihr Singen, die Musik, die Tradition des Chorsingens. Das Klima sei zwar nicht das beste, aber wer weiss, vielleicht sei das ein Grund dafür, dass die Schweden so viel singen? Zudem gefalle ihm die Nähe zu Europa. Europa sei für ihn „the most glorious place“ – wegen seiner Buntheit.

Ob die Gemeinde eher empfindlicher, oder offener, oder sensibler sei als ein normales Konzertpublikum (da sie ja quasi nicht freiwillig da sei), fragte Peter Freitag abschliessend Alfred Zimmerlin, in Erinnerung daran, dass sie an Pfingsten einen Teil des Orgelbuchs im Gottesdienst aufgeführt hatten. Nun, es habe zu einer Polarisierung und tollen Gesprächen geführt. 

Nattmusik

In der Nattmusik (Nachtmusik), einem Format, das Gary Graden aus Stockholm mitbrachte, sangen und musizierten wir noch einmal im Kreis aufgestellt und liessen uns vom Klang in der KunstKlangKirche einhüllen. Eine herzliche Umarmung beendete diesen an Eindrücken reichen Tag.

Ausklang

Nach dem Apéro begab sich eine Gruppe hungriger Menschen in das nahe gelegene „Restaurant zur Rote Buech“, um sich ein Cordon bleu (oder so) zu gönnen. Und hier schloss sich der Kreis: die Wirtin entpuppte sich als Schwedin und wir sangen zu späterer Stunde im Restaurant weiter, Volkslieder mit improvisierten Begleitungen, wie das im singfreudigen Schweden vielleicht auch so gemacht wird und früher auch hier bei uns, als wir noch nicht fürchten mussten, die anderen Gäste mit unserem Gesang zu stören.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Gewähr, alles richtig verstanden zu haben.
Margrith Kramis Jordi, Amden, September 2017

 

7. Kirchenmusiktag, 19. Mai 2017
KunstKlangKirche auf der Egg, Zürich-Wollishofen

 

Der 7. Zürcher Kirchenmusiktag stand ganz unter schwedischem Nordstern: vom Beginn mit dem Stockholmer Kirchen-Musiker Gary Graden bis hin zur Wirtin beim abendlichen Cordon bleu. In gewohnt souveräner Art führte Peter Freitag (Kantor und Organist in der evang.-ref. Kirche Uster) durch das Programm. Schon an dieser Stelle ein grosser Dank an das Organisationsteam: Peter Freitag, Sacha Rüegg (Organist und Kantor, offener St. Jakob, Zürich) und Stephan Fuchs (Kantor und Organist, Zürich Paulus), Daniel Schmid (Projektleiter KunstKlangKirche), ZKMV-Vorstand sowie an die reformierte Landeskirche.

 

Musikalischer Start

Gary Graden, ein Amerikaner in Stockholm, eröffnete mit einem Warm-up ganz eigener Art. Nach dem gemeinsamen „Sing mit“ suchte er sein Anliegen „wie involviere ich alle ins Singen?“ mit der alten französischen Melodie „Adóro te“ im V. Modus zu erreichen. Dies indem wir zum abwechselnd von den Frauen bzw. den Männern gesungenen Cantus firmus frei in Skalen improvisierten. Es ging darum, gemeinsam einen Sound zu kreieren, mit Stimme und Körper. Gary lebte das Musizieren mit jeder Pore seines Seins uns allen auf eindrückliche Art und Weise vor.

 

Überlegungen zum kirchenmusikalischen Dienst in den kirchlichen Reformprozessen

Jetzt aufgewärmt und eingestimmt für den Tag, richtete Bernhard Rothen, geboren in Schweden und Pfarrer in Hundwil (AR) seine Überlegungen zum kirchenmusikalischen Dienst in den kirchlichen Reformprozessen an uns. „Ross und Reiter warf er ins Meer“: Die Planherrschaft und das Gotteslob Israels, so der Titel seiner Rede. Oder soll ich sagen Predigt? Denn ohne jeden Zweifel ist Rothen ein begnadeter Prediger. Er thematisierte das hierarchische Gefälle zwischen Pfarrer*innen und Musiker*innen und plädierte dafür, lieber mehr zu singen als an Sitzungstischen zu sitzen. Oder, nach Luther, sich an das zu halten, was menschenmöglich ist und nicht zu versuchen, sich ins Göttliche einzumischen.

Dies zu erklären holte er weit aus, begann in Ägypten, der Kultur des Papiers, bei Abraham und Josef, dem Begründer der Sicherheit, wobei Sicherheit und Stabilität zuerst Wohltat, dann aber immer mehr Sklaverei und Ausbeutung wurden. Hier entwickelte sich nach Rothen auch die Xenophobie mit der Planung des ersten Genozids in der Tötung der Knaben und dem Brauchen der Mädchen. Das durch die ganze Moderne ziehende Ziel: Homogenisierung, gedeckte Tafel, das Land, in dem Milch und Honig fliessen, angeführt von Mirjams kriegerischem Triumph-Lied „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt“, was durchaus an heutige religiöse Fanatiker erinnert. Das Volk sollte in die Wüste hinausziehen, um Gott ein Fest zu feiern, was viele Vorschriften und Sachverstand im Umgang mit Geld erfordert, und in eine ziemlich strenge Form hineinführt. Von Mirjams Lied von Befreiung durch Zerstörung hin zur neutestamentlichen Deutung der Befreiung durch das Lamm lag ein weiter Weg. Nicht mehr Hochmut und Gier sind da gefragt, nein, sie sollten im Wasser der Taufe ertränkt werden.

Die Kirchen heute, so Bernhard Rothen, suchen zurück zur Sicherheit. Aber kann irgendeine Ordnung das Gute auf Dauer bieten? In diesem Zusammenhang zitierte Rothen Mani Matters „Nei säget, sölle mir vo nüt meh andrem tröime“.

Die Wahrheit sei präsent im Wort, welches wiederum in vielen Facetten gegenwärtig sei.

Natürlich brauche es auch Geld, auch Milch und Honig. Der Gott der Bibel sei der Gott der Passah-Nacht. Aber Gott habe den Tempel selber zerstört, und seither gebe es keine Verheissung der wahren Ordnung mehr. Wir nun sollten das Erbe nutzen und es nicht selber zerstören, die Zeit nutzen, das zu tun, wozu wir die Möglichkeit haben. Und die Kirchenmusker*innen leisteten dazu ihren Beitrag. Natürlich blieb da die Frage von Kirchenmusikers Seite nicht aus, ob es denn wirklich immer das Wort sei, wo doch auch Augustinus berührt gewesen sei von der Musik ohne Worte. Nun, Bernhard Rothen fasste den Begriff des Wortes sehr weit, sprach vom inkulturierten Wort, dem Gotteswort, der göttlichen Zusage.

 

Junge Leute mit kurzen Beinen auf der Orgel

Im Anschluss an diese nicht ganz einfach zu verstehenden und nachdenklich stimmenden Worte präsentierte uns Yun Zaunmayr, Organistin in Dübendorf und Dozentin für Fachdidaktik Orgel an der Musikhochschule in Basel, ihr Forschungsprojekt „Kombinierter Klavier- und Orgelunterricht für Kinder“. Ihr Anliegen ist es, auch jungen und sehr jungen Kindern von fünf bis zehn Jahren die Möglichkeit zu geben, das Orgelspiel zu erlernen. Was tun, wenn die Beine noch zu kurz sind, um die Pedaltasten zu erreichen? Ganz einfach: auf Yun Zaunmayrs Idee hin entwickelte und baute Simon Hebeisen (Goll Orgelbau) dazu leichte Pedaltasten aus Sperrholz, die sich wie Lego auf das normale Orgelpedal aufstecken lassen, was den Kindern zusätzlich Spass macht. So ist es möglich, die natürliche Begeisterung der jungen Schüler*innen direkt aufzunehmen und sie nicht auf später zu vertrösten. Und warum nicht gleichzeitig mit Klavier- und Orgelunterricht beginnen? Vieles lässt sich zu Hause am Klavier üben und dann mindestens projektweise im Unterricht in der Musikschule oder Kirche an der Orgel erweitern. Und warum nicht, wie der Vater eines der Kinder bei Yun Zaunmayr, ein Pedal basteln, um es unter das Klavier oder den Flügel zu legen?

Natürlich braucht es für all das bestimmte Rahmenbedingungen. Musikschule, Eltern und Kirchgemeinde müssen zusammenarbeiten und die Verantwortung für die Räumlichkeiten und Instrumente teilen. Für Yun Zaunmayr steht fest: die einzige Voraussetzung für frühen Orgelunterricht ist der ausdrückliche Wunsch des Kindes.

 

Schweizerische Stiftung für Orgeln in Rumänien

Mit Blick auf unsere geplante Orgelreise im Oktober nach Bukarest – Siebenbürgen erzählte uns nun der Präsident der Schweizerischen Stiftung für Orgeln in Rumänien (SSOR) über die Ausbildung junger Orgelbauer*innen- und (Kunst-)Schreiner*innen in diesem an musikalisch und kulturell wertvollen, alten Orgeln reichen Land.
Gut 2000 Instrumente stünden dort auf engem Raum, leider oft schlecht gewartet, da es vielerorts sowohl an Geld als auch an Know-how fehle. Diese Situation regte Orgelbauer Ferdinand Stemmer AG aus Zumikon dazu an, im Auftrag der SSOR Hilfe zur Selbsthilfe zu betreiben, indem junge Menschen nach Schweizer Muster in handwerklichen Berufen auf Kosten der Stiftung ausgebildet werden. So entstand ein Lehrlingsheim für 15 Jugendliche, in welchem bisher 30 interessierte junge Menschen ausgebildet wurden. 2014 wurde der Betrieb an die qualifiziertesten ehemaligen Lehrlinge übergeben.

Eine besondere Herausforderung in diesem Projekt sei die Vermittlung von leistungsorientierter Arbeitshaltung und Qualitätsstreben sowie Verantwortungsbewusstsein, was eine Mentalitätsänderung bedingt. So soll das Qualitätshandwerk in Rumänien und damit ein tragender Mittelstand wiederbelebt werden.

 

Chorprobe

Und jetzt wieder zurück zu Gary Graden. Noch einmal improvisierten wir in einer Skala, was er mit Jungen, Alten, Profis und Laien immer wieder mache. Einfach im Modus bleiben. Exemplarisch probte Gary Graden nun mit dem von Beat Schäfer eigens für diesen Tag formierten Chor „Corona vitae“ von Michael Waldenby (*1953) in Fis-Dur. Fis-Dur sei in diesem Stück wie der Nordstern, versuchte er zu vermitteln, und die reine Quinte wie Gottes Atem. Solistinnen und Chor sollten also nicht zu zimperlich sein. So frei und tolerant er mit uns allen im improvisierenden Klingen umging, so genau nahm er es nun in der Arbeit mit dem Chor. Und gar nicht zimperlich unterbrach er, wann immer ihm etwas nicht ganz so gut gefiel. „Singen ist so physisch, ein physisches Ding, Spannung, Bewegung, immer im Atemfluss“.

Es folgte das in Schweden sehr bekannte „Nun kommt das grosse Blühen“ in G-Dur – oder lieber in Fis-Dur? Das sei etwas weicher... Wir verteilten uns rund um den Kirchenraum, der Wand entlang und die Frauen stimmten je einzeln auf ein Zeichen hin im Kanon in die Melodie ein. Und dann ging es wieder darum, zu klingen, im Modus zu improvisieren, wie schon mit „Adóro te“, diesmal mit Benjamin Guélat (Domorganist zu St. Ursen, Solothurn) an der Orgel improvisierend mit dabei. Es gehe darum, im Ganzen die eigene Stimme zu hören und zu lernen ein*e Freund*in der Skala, des Modus zu sein; die Welt singen zu hören, sich von Dur und Moll zu befreien.

Abschliessend malte Benjamin Guélat ein Bild mit Orgelklängen zu „Der Herr ist mein Hirte“ in E und wir sangen auf nur einem Ton den Text. Das macht Gary Graden auch mit der ganzen Gemeinde: Frauen, Männer, improvisierend, völlig frei im Tempo oder auch rhythmisch gleichzeitig und jede*r mit eigener Melodie. Ein überwältigendes Klangerlebnis!

 

Mittagspause

Das Mittagessen wurde uns im benachbarten Kirchgemeindezentrum St. Franziskus-Wollishofen top organisiert und lecker gereicht. Vielen Dank dafür.

 

Die KunstKlangKirche

Als nächsten Programmpunkt erzählte uns Beat Schäfer (Präsident Freundeskreis KKK, Bereichsleiter Kirchenmusik an der ZHdK und Dozent Chorleitung) einiges über die Entstehungsgeschichte der KunstKlangKirche auf der Egg. Die Idee dazu bestehe seit rund fünf Jahren. Ein von der Kirchgemeinde zur Umnutzung der Kirche ausgeschriebener Projekt-Wettbewerb führte zu sehr vielfältigen Ideen, und wurde vom Team KunstKlangKirche gewonnen. Die KunstKlangKirche möchte die Künste als Gesamtes in eine Beziehung zu Spiritualität und Kirche setzen, damit dies in einem übergeordneten Sinn zum Klingen kommt. Dabei spielt die Musik selbstverständlich eine grosse Rolle – siehe die Orgeln, die hier schon stehen (es fehlen noch zwei) – und doch ist das nur ein sichtbarer Schwerpunkt, der in dieser Kirche gepflegt wird. Es gibt ebenso Veranstaltungen, bei denen im Spannungsfeld von Bewegung und Tanz, Musik und Wort, Wort und Bild versucht wird, dem Phänomen des Glaubens, des Kirche-Seins auf einer breiten Ebene Platz zu geben. Die KunstKlangKirche ist eine Plattform des Austausches. Beat Schäfer und vor allem Projektleiter Daniel Schmid nehmen Ideen und Anregungen für Veranstaltungen entgegen und prüfen, ob sie diese als neuen Aspekt integrieren, in Beziehung setzen und nach aussen tragen können. Es gibt hier Gottesdienste, Konzerte, Lehrveranstaltungen, Diskussionen, Performances, Ausstellungen, etc. und zwar im ganzen Haus: zur KunstKlangKirche gehört der ganze Hügel.

Dass die Initiative nicht von der Kirche ausgeht, hat auch mit der Zürcher Hochschule der Künste zu tun. Diese ist das bisher - zumindest in der Schweiz - einzige Haus, das so konzipiert ist, dass in 1400 Räumen sowohl Tanz, Film, Musik, bildende Künste, Malerei, Gamedesign usw. vereint sind. Da entstehe plötzlich eine Dynamik und die ZHdK wolle die KKK gerne mittragen. Auch die Musikwissenschaftliche Abteilung sei an dieser Zusammenarbeit interessiert, dazu Ralph Kunz als praktischer Theologe und die ganze Abteilung der Fakultät. Die KKK sei jetzt in einer Phase, wo sie eine Institutionalisierung brauche, damit sie getragen werden könne und aus dem Privaten herauskomme. Das Team ist ökumenisch aufgestellt, reformiert, römisch-katholisch, christkatholisch und es könnten auch weitere dazu kommen. Die Reputation sei sehr gut, was auch eine Nationalfondsstudie zur Umnutzung von Kirchen bestätigt habe. Die Gesamtkirche, allen voran der Stadtverband, sei sehr daran interessiert und habe erst einmal einen grossen Betrag gesprochen, der im nächsten Jahr umgesetzt werden solle. Im Moment also stehe die KunstKlangKirche auf dem Prüfstand. Das Wichtigste sei, dass Leute dahinterstehen, die das auch positiv nach aussen tragen. Dafür gibt es auch den Freundeskreis, für den Beat Schäfer an dieser Stelle wirbt.

Daniel Schmid sei der Motor, der Küchenmeister, der Hausvater und der Manager des Ganzen. Er mache auch Führungen für Interessierte. Die älteste Orgel der Stadt Zürich stehe hier: eine Kuhn Kegelladenorgel, die hier wiederaufgebaut wurde, ein wunderbares Instrument. Noch sei der Veranstaltungskalender dürftig, weil das Geld fehlte, das werde aber im nächsten Jahr anders sein.

 

Orgelprobe

Und wieder Singen mit Gary Graden. Diesmal eine „Orgelprobe“ wiederum mit Benjamin Guélat an der Orgel und Improvisationen in d-moll zu „Unser Vater im Himmel“. Wir alle sangen rhythmisch unisono, aber melodisch völlig frei den Text des Gebets. Dann die Männer alleine, die Frauen alleine, dazu von Gary Graden dirigierte Orgelklänge. Immer in d-moll. Im Hintergrund eine Rassel. Unglaublich, wie so etwas wirkt!

Ein weiteres Beispiel, das Gary Graden oft mit der Gemeinde macht, war „Jesus Christus, unser Heiland“. Zuerst sangen alle, dann die Frauen, die Männer und wieder alle je eine Strophe. Anschliessend eine richtige, freie Stimm-Improvisation. „Dann werden wir tanzen...“, in einer Reihe, Hände haltend. Verschiedene Solisten zwischen den Versen, freie Improvisationen auf einem Vokal und zwischen den Versen 4 und 5 alle durcheinander, ganz frei. Begleitend ein zugrundeliegender Rhythmus mit der Handtrommel, dazu Orgelimprovisationen. Eine Variante: Call and response, das heisst, eine*r sang eine kurze Melodie vor, alle anderen nach. Das Ganze wurde zu einer langen, ziemlich wilden Improvisation, mehrheitlich nonverbal angeleitet von Gary Graden, der uns am Schluss zurück ins Pianissimo führte. Dann ein abschliessender, zurückhaltender Jubelschrei und Applaus. Es könnte gut sein, dass das für einige der Anwesenden ziemlich ungewohnt und eine gewisse Herausforderung war.

Gary Graden meinte dazu, es gebe dabei „spezielle Momente, nie zu planen, aber die Übungen sind interessant. Wir tun das in der Kathedrale von Stockholm, vielleicht nicht ganz so verrückt, aber wir tanzen von Zeit zu Zeit. Tanzen, der Körper, ist für menschliche Wesen wichtig. Das ist der Weg, wie Kinder spielen. Wir haben das Kind in uns. Wir sind alle Kinder. Wir müssen damit Kontakt halten. Es könnte so interessant sein, das zu tun“.

 

Chorwunder Schweden

Und was hat es mit dem ‚Chorwunder Schweden’ auf sich?“ fragte anschliessend Peter Freitag. Gary Graden, geboren in Philadelphia und aufgewachsen in New England, nahe Boston, kam nach Stockholm um bei Eric Ericson (1918-2013) zu studieren. Aus dem Plan, nur maximal fünf Monate da zu bleiben, wurden Jahre. Heute fühlt er sich in der Vielfalt Europas sehr zu Hause. Die Schweden seien ein singendes Volk, Menschen, die ständig singen, wo andere das nicht tun. Die Lutherische Kirche pflegte die protestantische Tradition des Choralsingens, woraus sich eine starke Chormusik entwickelte. Dabei spielte Eric Ericson, der u.a. an der Schola Cantorum Basiliensis studiert hatte, eine wichtige Rolle. Wie viele andere Musiker*innen, die an die Schola kamen, verliess auch er das romantische Chorideal und gründete und dirigierte verschiedene Chöre, insbesondere den erst später ihm zu Ehren so umbenannten Eric Ericson Kammerchor. Chormusik a cappella wurde eine neue Vision und Ericson ein Zentrum, eine Epoche. Er stimulierte etwas Neues, eine Art Zentralenergie, einen komplett neuen, sehr speziellen Sound. Die Chormusik wurde von seinem Ideal einer neuen Ästhetik weltweit beeinflusst.

Gary Graden findet, dass wir sehr hart arbeiten für das, woran wir glauben. Zudem sei ein Chor der Ausdruck des Dirigenten. Er habe vor vielen Jahren die Einladung bekommen, als Kantor in St. Jakob in Stockholm zu arbeiten, einer sehr reichen Gemeinde, wo er u.a. einen Jugendchor gründete und während vielen Jahren sehr frei und nicht zu allzu vielen Veranstaltungen verpflichtet gewesen sei. In den letzten Jahren habe er dann an die Kathedrale gewechselt, welche zur gleichen Gemeinde gehöre. Dort arbeite er mit dem brillanten Organisten und tollen Kollegen Mattias Wager zusammen.

Was in der Erziehung, in der Grundschule in Schweden derzeit musikalisch läuft, weiss Gary Graden nicht. Auch in Schweden müssten die Lehrpersonen gelehrt werden, dass sie mit Kindern nicht Bass singen können.

Aber arbeitet er mit der Gemeinde so, wie mit uns? Nun, grundsätzlich so viel wie möglich auch im Gottesdienst. Es gebe ein besonderes Gefühl von Gemeinschaft, wenn ohne Chor gesungen wird. Allerdings gibt Gary Graden zu, dass dabei in sehr kleinen Gemeinden ein gewisses Risiko besteht und es dann vielleicht gut ist, einen Chor zu haben.

 

Kirchenmusikkapitel: mit gutem Beispiel voran

Esther Lenherr tat dann, was wir (wie sie selber mit einem Seitenblick auf Bernhard Rothen bemerkte) nicht tun sollten, nämlich von Strukturen sprechen. Sie berichtete aus der Spurgruppe Kirchenmusikkapitel, die von ihr geleitet wird oder wurde. Immer wieder ist es erstaunlich zu sehen, dass in strukturellen Konzepten – auch bei KirchGemeindePlus – nichts von (Kirchen)Musik zu lesen ist. Dabei wird ihr bei allerhand Anlässen, welche selbstredend die Pfarrer*innen und Kirchenpfleger*innen unter sich planen, ungeheuer viel zugetraut, „sogar die Rettung der Kirchen“. Aber in die Prozesse einbezogen werden die Musiker*innen nicht. Mehr als lesenswert ist in diesem Zusammenhang das von einer siebenköpfigen Gruppe engagierter Kirchenmusiker*innen und einer Vertreterin der Zürcher Landeskirche, in Zusammenarbeit mit einem Prozessbegleiter entstandene Dokument „Kirchenmusik und KirchGemeindePlus“ (zu finden auf www.zkmv.ch).

Immerhin scheint jetzt der Weg gebahnt, dass bei der Neufassung der Kirchenordnung, die sich in Vernehmlassung befindet und am 1. Januar 2019 in Kraft treten soll, ähnlich dem Pfarrkapitel ein Kirchenmusikkapitel implementiert werden soll. Allerdings nur kantonsweit, nicht wie bei der Pfarrschaft bezirksweise. Eine kantonale Zusammenarbeit würde die Musiker*innen (insbesondere die nicht angestellten Chorleiter*innen) mit Kleinstpensen ausschliessen und die Organisation träge gestalten. Esther Lenherr sucht nach stichhaltigen Argumenten für die Vorteile, den Gewinn eines Kirchenmusikkapitels. Noch immer fehle eine starke Organisation der Kirchenmusiker*innen. Die Spurgruppe habe eine Spur gelegt, gehen müssten sie nun die Kirchenmusiker*innen selber.

 

Orgelbuch – Atem, Hauch, Braus

2013 komponierte Alfred Zimmerlin (Komponist und Cellist) aus freiem innerem Antrieb, ausgelöst durch eine Frage von Peter Freitag (dem Widmungsträger) sein grosses, neunteiliges gut 60 Minuten dauerndes zyklisches Werk mit dem Titel „Orgelbuch“. Es ist eines von nur sehr wenigen geistlichen Werken des Komponisten und wurde am 7. Juli 2015 von Peter Freitag im Berner Münster uraufgeführt. Die Sätze tragen die Überschriften: Gruss – Choralfantasie I „All Morgen ist ganz frisch und neu“ – Reflex – Ruf – Choralfantasie II „O Heil’ger Geist kehr bei uns ein“ – Freude – Braus – Hauch – Abschied (Choralfantasie III „Bevor die Sonne sinkt“).
Peter Freitag spielte uns auf der grossen Orgel in der KunstKlangKirche Auszüge aus der Choralfantasie I und II. Bei der zweiten Choralstrophe der Choralfantasie II wird die Choralmelodie selber zum Pfad, und es braucht eine Bewegungschoreografie, um sie spielen zu können und bei Strophe fünf trägt jeder Choralton einen Lichtschweif in Form eines Clusters. Wer mehr über das Orgelbuch und den Komponisten erfahren möchte, findet auf dessen Homepage www.alfredzimmerlin.ch auch einen Werkkommentar dazu. Alfred Zimmerlin ist auch als improvisierender Musiker tätig und seit 2010 Dozent für Improvisation an der FHNW Hochschule für Musik in Basel, wo er den Masterstudiengang „Freie Improvisation“ leitet.

 

Gerda Bächli

Wo sie Freude wittern, geht alles doppelt so leicht“. Mit diesem Zitat von Gerda Bächli führte uns Gabriela Schöb, Kantorin der reformierten Kirchgemeinde Thalwil (und begeisterte Schwedisch Lernende), in die (fast vergessene?) Welt von Bächlis Kinderliedern ein. Auch die 1921 in Zürich geborene und 2013 in Winterthur verstorbene Gerda Bächli lebte mehrere Jahre in Schweden, wo sie beim Radio arbeitete und Deutschkurse für den Sender konzipierte sowie Sendungen über den deutschen Kulturraum gestaltete. Sie stammte aus einer Musikerfamilie und studierte Gesang, Klavier und Musiktheorie. Nach ihrem Aufenthalt in Uppsala begann ihr Einstieg in die Musiktherapie. Erfahrungen sammelte sie in diesem Bereich beim Heilpädagogen und Schulleiter der EPI Zürich Hermann Siegenthaler, der als Organist die behinderten Kinder seiner Schule in der Kirche musizieren liess, im Brändli Luzern und im Wagerenhof Uster. Alles war neu, Learning by Doing. Gerda Bächli versuchte, altes Wissen mit modernen Erkenntnissen zu verknüpfen und so entstanden ihre Bücher „Pöpper. Musizieren mit einem behinderten Freund“, „Der Tausendfüssler“, „Im Bim-Bam-Bummelzug“, „Hände und Füsse“ und viele mehr. Dabei ging sie von ganz präzisen pädagogischen Ideen aus, sowohl für die Arbeit mit behinderten als auch nicht behinderten Kindern. Gerda Bächli erlangte grosse Bekanntheit als Liederschreiberin und Kapazität, auch mit ihren Übersetzungen vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche. Zu „Alle Jahre wieder“ meinte sie, wir sollten den Kindern die Weihnachtschichte bei allen Bedenken von wegen Bericht oder Legende nicht vorenthalten, da es eine gute Geschichte sei. Die Hirten und das Wunder im Stall begeistere die Kinder und wenn, dann dürften eher die geflügelten Engel weggelassen werden. Bei Gerda Bächli dürfen, ja sollen die Kinder sich einbringen. Deshalb soll auch die Begleitung in Veröffentlichungen (z.B. im „Liechtblick 2“) einfach gehalten sein, um möglichst viel Spielraum für Partizipation zu bieten. Da ist sie Astrid Lindgren ganz nah: beide nehmen sie die Kinder wie Erwachsene ernst. Viele Kinderlieder von Erwachsenen sind Lieder wie diese sich die Welt von Kindern vorstellen und wollen immer aktuell sein. Gerda Bächlis Lieder sind überdauernd und anpassungsfähig.

Jetzt waren wir bereit, zusammen mit Gabriela Schöb vier mitgebrachte und auch im kirchlichen Raum einsetzbare Bächli-Lieder zu singen und exemplarisch mit Schmatzen und passenden Bewegungen zu gestalten: „Us em Fluss stiigt de Näbel“, „Schnäggelied“, „Der Auftrag – Noah 1“ und „Geborgen in der Arche – Noah 2“.

 

Schlussrunde

In der Schlussrunde kamen noch einmal alle Referent*innen zu Wort. Mit: es gehe ihm genau gleich, er möge eigentlich nicht mehr über Strukturelles reden, richtete sich Peter Freitag mit der Frage an Bernhard Rothen, was die Kirchenmusiker*innen denn nun tun sollten. Dieser liess uns noch einmal an seiner Erfahrung als Pfarrer teilhaben. Denn die Pfarrer*innen hätten das alles schon durchgespielt, mit dem Ergebnis, dass die kirchlichen Organisationen sich seither vorwiegend dem Strukturellen widmeten. Seiner Meinung nach sind es die Menschen, die gerne verwalten, die in die Verwaltung gehen – und diejenigen, die gerne mit Menschen arbeiten, ziehen sich zurück. Die Kirchenmusiker*innen sollten aufpassen, dass ihnen das nicht auch passiert. Es gehe darum (wieder) an den Inhalten zu arbeiten, eine neue Kirche zu werden und miteinander zu reden und zu streiten. Rothens Meinung nach sind Strukturmodelle brandgefährlich, es bleiben die, die meinen, sie wüssten, wie eine neue Kirche aussehen muss. Angesprochen auf Mani Matter (ein Schweizer Musiker der wohl keine geistliche Musik geschrieben hat), meinte Bernhard Rothen, dieser sei einer der klügsten Schweizer gewesen, ein Jurist, der schon damals gesehen habe, dass ein struktureller Pluralismus nicht funktionieren könne.

Esther Lenherr wiederum sah den Vorteil im Bezirk Horgen darin, dass es viele hochprozentig angestellte Musiker*innen gebe. Es gehe hier um Pfründe. Die vielen kleinstprozentig angestellten Kirchenmusiker*innen andernorts müssten ihre Pensen freigeben, damit grössere Stellen geschaffen werden könnten. Bernhard Rothen hingegen, vielleicht aus der Position einer Berufsgruppe, deren berufliche Existenz mit Hundertprozent-Jobs gut abgesichert ist, sah den Vorteil grösserer Stellen nicht. Er würde zehn Tante-Emma-Läden einem Shoppingcenter vorziehen, worauf Esther Lenherr einwarf, die Tante-Emma-Läden würden in Bezug auf Pensen zu einer Zersplitterung und einem geringen Engagement in der Gemeinde führen.

Die in China geborene Yun Zaunmayr erzählte von ihrer Arbeit mit Kindern und ihrem Engagement, die Orgel, die kulturell nicht im Dorf verankert ist, ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. So organisiert sie nebst ihrer Arbeit als Klavier- und Orgellehrerin an der Musikschule Kindergottesdienste mit Kindermitwirkung sowie Babykonzerte mit Orgelmusik. Ein ganz besonderes Erlebnis sicher auch für die ihre Kleinkinder begleitenden Eltern.

Gabriela Schöb, angesprochen auf ihre Begeisterung für das Schwedische, erzählt, wie sie in ihrer Jugend Schwedisch gehört habe und den Klang liebte. In einem Sommerkurs bei Eric Ericson habe sie dann diese schöne klangvolle, skandinavische Musikwelt entdeckt, so dass sie jetzt auch die Schwedische Sprache, die dem Schweizerdeutschen sehr nahe sei, lerne.

Und Gary Graden, warum ist er in Schweden geblieben? Nun, die Liebe – und er liebt die Menschen, ihr Singen, die Musik, die Tradition des Chorsingens. Das Klima sei zwar nicht das beste, aber wer weiss, vielleicht sei das ein Grund dafür, dass die Schweden so viel singen? Zudem gefalle ihm die Nähe zu Europa. Europa sei für ihn „the most glorious place“ – wegen seiner Buntheit.

Ob die Gemeinde eher empfindlicher, oder offener, oder sensibler sei als ein normales Konzertpublikum (da sie ja quasi nicht freiwillig da sei), fragte Peter Freitag abschliessend Alfred Zimmerlin, in Erinnerung daran, dass sie an Pfingsten einen Teil des Orgelbuchs im Gottesdienst aufgeführt hatten. Nun, es habe zu einer Polarisierung und tollen Gesprächen geführt.

 

Nattmusik

In der Nattmusik (Nachtmusik), einem Format, das Gary Graden aus Stockholm mitbrachte, sangen und musizierten wir noch einmal im Kreis aufgestellt und liessen uns vom Klang in der KunstKlangKirche einhüllen. Eine herzliche Umarmung beendete diesen an Eindrücken reichen Tag.

 

Ausklang

Nach dem Apéro begab sich eine Gruppe hungriger Menschen in das nahe gelegene „Restaurant zur Rote Buech“, um sich ein Cordon bleu (oder so) zu gönnen. Und hier schloss sich der Kreis: die Wirtin entpuppte sich als Schwedin und wir sangen zu späterer Stunde im Restaurant weiter, Volkslieder mit improvisierten Begleitungen, wie das im singfreudigen Schweden vielleicht auch so gemacht wird und früher auch hier bei uns, als wir noch nicht fürchten mussten, die anderen Gäste mit unserem Gesang zu stören.

 

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ohne Gewähr, alles richtig verstanden zu haben.

Margrith Kramis Jordi, Amden, September 2017